Zeitfenster  Brennweite  Makro  Stativschelle  Liveview besser  Fazit  Leser

Unschärfen in der Liveview

Wer die Liveview nutzt, kann regelmässig auf die Spiegelvorauslösung verzichten, da der Schwingspiegel schon nach oben geklappt ist. Die Aufnahmen werden unterhalb von 1/100 Sek. daher regelmässig schärfer. Doch nicht jede Kamera profitiert davon.

Zunächst scheint die Welt in Ordnung: die Liveview hat eine eingebaute Spiegelvorauslösung. Wer sie nutzt erntet daher regelmässig höher aufgelöste Aufahmen. Leider spielen bei Nutzung der Liveview  Erschütterungen durch den Verschlussvorhang eine Rolle, ob die Aufnahmen tatsächlich höher aufgelöst werden. An 1D-Modellen wurde leider kein elektronischer Verschluss - wie an den DSLR mit Liveview unterhalb der 1D-Klasse - realisiert. Dieser mechanische Verschluss schliesst sich unmittelbar vor der Aufnahme und beendet die Liveview, was leider für erhebliche Erschütterungen bzw. Bilddopplung sorgen kann, wie nachfolgend demonstriert:

Wie oben gezeigt, haben die 1D-Modelle erhebliche Probleme mit der Liveview, wohingegen die 5D Mark II einen elektronischen 1. Verschlussvorhang nutzt und somit - wie alle Canon DSLR mit Liveview unterhalb der 1D-Klasse - nicht von dem Erschütterungsproblem betroffen ist.

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Stellt sich die Frage, ab wann das 1D-Problem mit dem Verschluss auftritt:

Wie rechts zu sehen, tritt das 1D-Verschlussproblem in der Liveview von wenigstens 1/4 bis rund 1/60 Sekunden auf (bei 1/30 Sek. tritt eine kleine Beruhigung ein, die mit dem Schwingverhalten des Stativs zu tun haben könnte).

Dieses Zeitfenster ist für Verwackler jeder Art empfindlich; daher auch problematisch, wenn die Liveview nicht benutzt und keine Spiegelvorauslösung angewendet wird. Allerdings nur, wenn vom Stativ aus fotografiert bzw. Blitzlicht nicht als Hauptlichtquelle verwendet wird (hat wegen kurzer Abbrenndauer schärfende Wirkung).

Warum hat Canon aber keinen elektronischen Verschluss an den 1D-Modellen seit der Mark III realisieren können ?

Diese Frage wird kurz im Whitepaper zur 1Ds III angesprochen, wo es auf Seite 21 gegenüber der 40D heisst "The EOS 40D enables AF and silent shooting during Live View Function, but these features are not provided by the EOS-1Ds Mark III because of a difference in shutter design".

Mittlerweile hat die 1D IV ja auch einen Autofokusbetrieb während der Liveview spendiert bekommen aber eben keine sogenannte "Silent"-Funktion, die an der 40D und nachfolgenden DSLR mit Liveview (ausserhalb der 1D-Klasse) über den elektronischen, 1. Verschlussvorhang realisiert wird und die gezeigten Erschütterungen vermeidet.

 

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Ab welcher Brennweite ?

Es stellt sich als nächste Frage, ab welcher Brennweite die Erschütterungsunschärfen auftreten. Mit einem recht stabilen Stativ Manfrotto 055XProB (Beine ausgefahren, Mittelsäule nur zu 1/3) ergeben sich erst oberhalb von 100mm Erschütterungsunschärfen, wie nachfolgend anhand eines Briefmarkenausschnittes dokumentiert.

Verwacklungsunschärfen treten - wie oben gezeigt - oberhalb von 100mm auf, sowohl bei nicht durchgeführter Spiegevorauslösung und in der 1D-Liveview.

Wie verhält sich eine "amtliche" Montierung in Kombination mit der 1D (Mark IV) ? Für nicht wenige Profifotografen ist das Stativ Gitzo GT5541 LS (ohne Mittelsäule) und ein "Wimberly"-Kardankopf gepaart z.B. mit einem schweren Canon 400mm/2,8L IS USM das Nonplusultra auch an Statiblität (siehe rechts).

Wie unten zu sehen, haben wir auch mit einer solchen Kombination in kritischen Zeiten (gezeigt unten mit 1/8 Sek.) Erschütterungsprobleme, die bis 1/125 Sek. noch erkennbare Unschärfen ohne SVA und in der Liveview erzeugen.

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Einfluss Abbildungsmasstab ?

Wird ein längerbrennweitiges Makroobjektiv z.B. der 180mm-Klasse benutzt, dann treten oben dokumentierte Unschärfen ebenfalls auf. Doch welchen Einfluss hat der Abbildungsmasstab bei Makrobrennweiten unterhalb der kritischen Brennweite ? Für diese Untersuchung haben wir ebenfalls am Briefmarkenmotiv ein 50mm Makro-Objektiv verwendet:

Bei 1:1-Abbildungsmasstab (Motiv wir in Realgrösse auf dem Sensor abgelichtet) sind sehr leichte Unschärfen sowohl ohne SVA als auch in der 1D-Liveview auszumachen. Tendenziell schneidet die Liveview jedoch etwas schlechter ab. Ab 1:3 sind die Unterschiede zur SVA praktisch annulliert.

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Übeltäter Stativschelle

Nebenbei fiel uns auf, dass auch eine verwendete Stativschelle für Unschärfen sorgen kann. Dies ist jedoch nicht an allen Objektiven so (z.B. am Canon 180mm/3,5L USM ergaben sich keine Unterschiede). Gravierend fiel es uns jedoch am Canon 70-200mm/2,8L IS USM auf, das direkt angesetzt* nur in der Liveview Erschütterungen aufweist, während es bei Nutzung mit Stativschelle auch ohne SVA Unschärfen zeigt.

*aus Gründen der Bajonettbelastung durch das Objektivgewicht ist ein direktes Ansetzen eigentlich nicht empfehlenswert !

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Liveview besser als SVA ?

Vielleicht haben Sie im obersten Tableau bemerkt, dass die Aufnahme der 5D Mark II in der Liveview höher als mit Spiegelvorauslösung aufgelöst wirkt. Wir haben dieses Phänomen wiederholt überprüft und auch andere Canon DSLR daraufhin untersucht, wie nachfolgend zu sehen:

Ausserhalb der Liveview wurde die Spiegelvorauslösung (SVA) aktiviert und anschliessend unter denselben Bedingungen aber nur mit der Livieview (Silentmodus aktiv) eine weitere Aufnahme durchgeführt.

Wie rechts zu erkennen, ergeben sich in der Liveview signifikant schärfere Ergebnisse als mit der Spiegelvorauslösung.

Dieses Phänomen ist schwer zu erklären. Da es nur innerhalb des kritischen Erschütterungs-zeitfensters (etwa 1 Sekunde bis 1/100 Sek.) nachweisbar ist und nicht ausserhalb, dürfte eine Resterschütterung bei der Spiegelvorauslösung eine Rolle spielen, die aber einer genaueren Analyse bedürfte.

FAZIT

Verwacklungsunschärfen entstehen an 1D-Modellen nicht nur durch Spiegelschlag sondern auch in der Liveview. Kritisch sind in beiden Fällen regelmässig Brennweiten über 100mm und Zeiten von länger als einer 1/100 Sekunde. An 1D-Modellen sollte die Liveview beendet und die SVA aktiviert werden. An Canon DSLR unterhalb der 1D-Klasse sind Erschütterungsunschärfen bei aktivierter Liveview regelmässig* nicht vorhanden und die Bildergebnisse sogar höher aufgelöst, als wenn ausserhalb der Liveview die Spiegelvorauslösung genutzt wird.

Wie hoch ist die Praxisrelevanz des Erschütterungsproblems ? Immer wenn Sie über die Spiegelvorauslösung nachdenken (was regelmässig bei ruhenden Motiven mit höherer Blendenzahl vom Stativ im Telebereich der Fall sein sollte), kann Sie das Verschluss-Problem an 1D-Modellen treffen. Unserer Einschätzung nach grob um 5% der Foto-Anwendungsfälle.

*bei Aufhellblitzlicht (keine Hauptlichtquelle) kommt es an einigen Geräten dennoch zum Spiegelschlag, der in der Liveview Erschütterungen verursachen kann.



  Leserkommentare:


Derzeit sind hier 9 Kommentare vorhanden:
 

Mr. 6D: Das ist ein sehr aufschlussreicher Bericht. Ich denke nicht das es sich hier um Ein Problem handelt, was jetzt die Unterschiede zwischen SVA und LiveViewe betrifft. Es ist nunmal die Physik die einem in Quere kommt. Hatte das gleiche Problem mit meiner 6D und war zuerst etwas negativ überrascht. Als ich das nun hier gelesen habe, bin ich wieder etwas entspannt. Danke :)
(08.12.2014, 16:28 Uhr)

Kai Arndt: Top-Bericht, der meine Erfahrungen bestätigt ( 1Ds MarkII, 1Ds MarkIII ). Immer, wenn ich bei Canon das Problem ansprach, wurde es geleugnet... deshalb fotografieren wir sogar Modelshots mit SVA, was nicht angenehm, aber notwendig ist. Leider lässt sich die 1Ds MarkIII immer noch nicht am Notebook per DPP über die Space-Taste mit SVA auslösen, während es bei der 5D MarkIII geht.
Viele Grüße
Kai
(10.04.2013, 10:45 Uhr)

Stefan_tf: @Georg: alle Canon DSLR unterhalb der 1D-Klasse nutzen einen 1. elektronischen Verschlussvorhang in der Liveview.
(26.05.2012, 21:26 Uhr)

Georg: Habe bei meiner 600D das Objektiv abgenommen und SVA mit LiveView verglichen. Bei SVA sieht man dass der Vorhang vor der Aufnahme geöffnet wird das gibt ein kerniges Geräusch und man kann in der Hand auch leicht eine Erschütterung spüren. Bei der LiveView gibt es nur ein sanftes Geräusch das dem beim Betätigen der Ablendtaste sehr ähnlich ist (ich vermute das ist das Selbe) und ich meine auch keinerlei Erschütterungen zu spüren. Somit dürfte die Aufnahme ohne ersten mechanischen Verschlussvorhang gemacht werden (Es sei denn er geht so schnell zu und wieder auf dass ich das nicht sehe). Ob die 600D einen elektrischen ersten Vorhang hat der kurz schließt, um das Sensorrauschen aufgrund der Erwärmung durch den LiveView modus zu reduzieren, würde mich interessieren. Gruß Georg
(26.05.2012, 14:03 Uhr)

Stefan_tf: @Uwe: langsamer wird der Schwingspiegel aber nicht der Verschluss, damit sind die Probleme leider nicht aus der Welt.
(17.12.2010, 11:24 Uhr)

Uwe: Der SilentMode bei der 1D wird nicht im LV menue sondern mit der AF-drive Taste aktiviert. Dann hats zwar keinen elektronischen 1. Verschluss, aber der Verschluss bewegt sich langsamer und weicher. Unterschiede zur SVA kann ich dann nich fesstellen. Überhaupt halte ich die hier gezeigten Beispiele für stark übertrieben.

Gruß

Uwe
(16.12.2010, 21:33 Uhr)

Tom: Ja, wirklich sehr interessant. Ich werde das mal in meine nächsten Aufnahmen einfließen lassen.

Gruß
Tom
(02.12.2010, 15:11 Uhr)

Frank Will: Sehr interessanter Bericht. Ich kann den Zusammenhang von Live View und SVA an der 1D Mark III durchaus bestätigen.
Neu hingegen war für mich der Zusammenhang der Stativschelle am 70-200.
(28.11.2010, 21:52 Uhr)

Robert: Hallo,

das ist sehr interessant. Ich habe eine solche Betrachtung (wie so einiges anderes hier auf traumflieger.de) noch niergendwo sonst gesehen!

Hast Du das auch mal mit den Kameras der "dreistelligen" Reihe von Canon ausprobiert?

Gruß,
Robert
(24.09.2010, 22:56 Uhr)

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